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Unter Helmen - die Motorradkolumne

Von Burkhard Straßmann

Über den Nachwuchs

Wer ist der größte Feind des Motorradfahrers? Die Ölspur? Der Sheriff mit dem Lärmmeßgerät? Nein: der Nachwuchs. Und was verbirgt sich hinter Kleinanzeigen wie dieser, die man regelmäßig in Motorradmagazinen findet: Aufgabe wg. Nachwuchs. Verkaufe bildschöne, sauschnelle Yamaha und so weiter . . .? Schicksale verbergen sich dahinter!

Klaus-Dieter war zeitlebens Motorradfahrer, immer im Leder, immer Öl unter den Nägeln, Ducati, was sonst. Und nun ist er plötzlich Vater. Vater sein aber heißt: Dose fahren. "Dosen" sind Autos, die von Motorradfahrern gehaßt werden, also alle Autos. Gestern noch mit der Ducati in den Dolomiten, heute mit dem Kleinwagen beim Kinderarzt. Mit Mutti und Baby zu Oma und Opa oder Ikea. Im Stau stehen wie jeder Spießer. Keine Luft kriegen in der Dose.

Klaus-Dieter wird immer trauriger. Welkt dahin. Meldet das Motorrad ab. Gibt die Anzeige auf. Kinder und Motorrad - das geht eben nicht, schon wegen der Nachbarn. "Rabenvater!" zetern sie, "Barbar!" Steht doch der Motorradfahrer ohnehin latent im Verdacht, nicht besonders an seinem Leben zu hängen. Und dann noch Kinder mitnehmen - undenkbar! Nicht einmal das umfangreiche Regelwerk der Straßenverkehrsordnung erfaßt diesen Fall. Wer es schafft, einem Säugling einen Helm aufzusetzen, darf ihn als Sozius mitnehmen; man muß nur auf die Pampers verzichten, damit der Kleine an die Fußrasten reicht.

Ernie ist einer der letzten wirklich Geächteten in unserer Gesellschaft. Ernie ist Vater geworden und Motorradfahrer geblieben. Das Baby war noch nicht standesamtlich erfaßt, da gab es schon die ersten Photos: Papa mit Sascha auf Suzuki. Das Kind war noch nicht abgestillt, da ging es, auf dem Tank, zwischen Papas Beine geklemmt, in die Feldmark. Als Sascha zwei war, hatte Ernie die Erstausstattung zusammen: Lederkombi XXS, speziell aufgepolsterter Helm für Zwerge, Motorrad-Kindersitz mit Fußschlaufen. Mit drei war Sascha zum ersten Mal auf dem Biker & Kids-Treffen bei Diepholz.

Als dann Susi kam, kaufte Ernie sich ein Gespann. Ein Gespann ist ein aus fahrphysikalischen Gründen kaum beherrschbarer Nachkriegsanachronismus, kostet soviel wie eine gute Mittelklassedose und ist die Antwort auf folgende Fragen: Was tun, wenn Mutti mitwill? Oder der Säugling mitsoll? Wenn noch mehr Nachwuchs kommt? Ernie installierte im Beiwagen Dosen-Kindersitze, eine Heizung und eine Stereoanlage für die Pumuckl-Kassetten. Zum Zwecke der Unterhaltung verband Ernie alle Helme mit einer Kommunikationsanlage. Leider verließ Sabrina Ernie noch vor dem ersten Gespannausflug. Die Kinder nahm sie mit.

Die Sonne scheint, die Luft ist lau. Mutti ist mit einer Freundin einkaufen. Das sind ideale Voraussetzungen für einen kleinen Selbstversuch. Söhnchen ist sechs - wagen wir einen ersten gemeinsamen Ausritt in den Geltungsbereich der StVO! Der Kleine zwängt sich ins Leihleder und verschwindet unterm Leihhelm (Größe Junior). Wir vereinbaren ein Zeichen: Dreimal Papa hauen heißt anhalten. Und los geht's. Söhnchen entdeckt Papas Gesicht im Rückspiegel und winkt begeistert. Nach fünfzig Metern kriegt Papa drei Schläge in die Nieren. Da vorn steht Nicki. "Huhu, Nicki!"

Mit Kindern Motorrad fahren heißt: anhalten können. Wegen Nicki, wegen Rehen am Waldrand, wegen einer Übung der Freiwilligen Feuerwehr, wegen Fanta. Das Kind sieht auf dem Motorrad viel mehr als in der Dose und will seine Eindrücke sogleich mitteilen. Das geht aber nicht im Fahrtwind. Außerdem will das Kind immerfort zappeln. Hampeln. Hoppeln. Dabei soll es sich festhalten. Manche Motorradfahrer zurren ihr Kind mit Spanngurten aus dem Landhandel an sich fest, was etwas unglücklich wirkt.

Nach dreißig Kilometern ist die Premiere vorbei. Papa ist stolz. Mutti grämt sich; sie hat schon mit den Nachbarn gesprochen. Söhnchen wirkt erstaunlich indifferent und geht Fußball spielen. Den Wunsch, auf dem Motorrad mitzufahren, hat es seitdem nicht mehr geäußert. Söhnchen wünscht sich neuerdings zum Geburtstag eine Kinderdose mit Benzinmotor.

© beim Autor/DIE ZEIT 1996 Nr. 36
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